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'Ich lasse mich impfen weil...' Interview mit Franziska Helfgen

  1. Wie lange liegt deine letzte Impfung zurück und wogegen hast du dich immunisieren lassen?

Meine letzte Impfung war die Grippeimpfung (tetravalenter Impfstoff gegen Influenza). Diese habe ich im Oktober 2017 in der Kinderklinik, wo ich arbeite, erhalten. Ich persönlich finde es extrem wichtig, die Grippeimpfung durchführen zu lassen, gerade wenn man mit (immunsupprimierten) Kindern arbeitet. Auch wenn es möglich ist, dass man selbst ein paar Tage danach grippeähnliche Krankheitssymptome entwickelt, steht das für mich in keinem Verhältnis zum Nutzen der Impfung.

  1. Warum liegt dir das Thema Impfen besonders am Herzen?

Ich habe meine Zeit als Assistenzärztin in der Kinderklinik in der Kinderonkologie begonnen. Kinder, die Chemotherapie erhalten, dürfen zu diesem Zeitpunkt nicht gegen Erreger immunisiert werden, weil ihr Immunsystem dafür nicht ausgerichtet ist. Deshalb ist die „Herdenimmunität“ hier umso wichtiger, damit bestimmte Krankheiten vollständig verschwinden und keine Gefahr für Immunsupprimierte darstellen. Denn auch wenn ein gesundes Kind eine Masern- oder Windpockeninfektion möglicherweise übersteht, können diese Erkrankungen für Kinder mit Krebserkrankungen sehr schnell lebensgefährlich werden.

  1. Deutschland liegt - gemessen an den Impfquoten - im hinteren Mittelfeld in Europa. Was sind in deinen Augen die Gründe für niedrige Impfquoten in Deutschland?

Im sogenannten „postfaktischen“ Zeitalter wird dem, was zuvor als allgemeine Faktenlage nicht angezweifelt wurde, nicht mehr uneingeschränkt Glauben geschenkt. Das ist in Deutschland meinem Eindruck nach aktuell nicht nur beim Thema Impfen so. Wenn man lange genug googelt, findet man für fast alle Positionen zu allen möglichen Themen Befürworter*innen und vermeintlich stichhaltige Argumente. Eltern möchten sich gerne selbst eine Meinung bilden und ihr Kind nicht dem „invasiven“ Akt der Impfung aussetzen. Dabei fehlt jedoch häufig aufgrund der Tatsache, dass bestimmte Erkrankungen in Deutschland durch eben diese Impfungen kaum noch vorkommen, eine Vorstellung vom möglichen Krankheitsverlauf dieser Kinderkrankheiten.

  1. Wie können wir diese Herausforderungen in deinen Augen meistern?

Ich denke, die direkten Gespräche, die ihr mit Eltern und Kindern führt, können viel bewirken, um falsche Vorurteile gegenüber Impfungen aus dem Weg zu räumen. Im Internet wird vermutlich die Flut der Seiten von Impfgegner*innen nicht so einfach zu überbieten sein, jedoch sollte man auch hier immer wieder auf seriöse Seiten und Studien verweisen, die den typischen Contra-Argumenten klare Fakten entgegen halten.

  1. Was kann man noch verbessern am Impfwesen in Deutschland?

Es sollte mehr Impfaufklärungskampagnen geben und mehr Informationsmaterial, das den Eltern an die Hand gegeben wird, um sich besser und sachlicher mit dem Thema auseinander zu setzen. Ansonsten ist es meinem Eindruck nach doch häufig so, dass für die allererste Impfaufklärung beim Kinderarzt/der Kinderärztin zu wenig Zeit da ist, als eigentlich nötig, auch wenn diese*r sich Mühe gibt, das Thema nicht unter den Tisch fallen zu lassen.

  1. Welche eindrücklichen Erfahrungen zum Thema Impfen durftest du in deinem Berufsleben machen? Wie haben dich diese Erfahrungen geprägt?

Ich habe glücklicherweise während meines Jahres in der Kinderonkologie noch kein Kind mit schwerer Masern-Infektion oder ähnlichem erlebt, was jedoch auch daran liegt, dass in der Onkologie sofort entsprechende Schutzmaßnahmen ergriffen werden, sobald ein solcher Fall auf einer anderen Station der Kinderklinik bekannt wird. Was ich jedoch in meiner Zeit dort mehrfach in den Wintermonaten mitbekommen habe, sind schwere Grippeinfektionen bei immunsupprimierten Kindern, bei denen auch eine stationäre Aufnahme notwendig wurde. Insgesamt habe ich gesehen, wie schnell „banale“ Infektionen, die für gesunde Kinder oft keine Konsequenzen haben, für ein Kind nach Chemotherapie oder Knochenmarktransplantation hochgradig gefährlich werden können. Daher möchte ich mir die Verläufe bestimmter Kinderkrankheiten bei diesen Kindern gar nicht erst ausmalen.

  1. Wie gehst du auf junge Eltern zu, die ihr Kind nicht impfen lassen? Habt ihr Kinderärzte eine besondere Strategie?

Ich denke, ein häufiges Problem ist, dass die KinderärztInnen zwar ausführlich über die Folgen des Nicht-Impfens aufklären, die überzeugten ImpfgegnerInnen sich jedoch sehr schnell nicht ernst genommen fühlen und dementsprechend kaum zuhören und auf ihrer Position beharren. Mein Eindruck ist, dass man mehr Erfolg damit hat, das Gespräch offen zu beginnen, den Eltern auch Verständnis entgegen zu bringen und sie nicht von oben herab zu behandeln.

  1. Was würdest du einem Impfgegner mit auf den Weg geben?

Bevor ich mein Kind eine Masern-Infektion durchmachen lasse in der Annahme, dass diese Infektion das Immunsystem langfristig effektiver stärke als eine Impfung, sollte ich mir zunächst über die möglichen Komplikationen und Folgen klar werden. Nicht zuletzt sollte hier auch die subakute sklerosierende Panenzephalitis genannt werden, welche zwar nur in einem von 10.000 Fällen, dann jedoch unangekündigt Jahre nach der eigentlichen Infektion auftritt und unweigerlich zum Tode führt.

"Ich lasse mich impfen, weil ich es unter anderem als Akt der Solidarität gegenüber denen ansehe, die keine Immunisierung erhalten dürfen.“